Category: Bluna

Bluna V

Wir schwenken den Blick zurück in Zeit und Raum und betrachten uns die schlafende kleine Bluna….

Wie sie so da liegt, scheint sie so ganz unschuldig und fröhlich zu sein, nicht ahnend, was schon bald auf sie zu kommen wird. Für diesen kurzen Augenblick ist sie einfach nur ein kleines Mädchen, dass staunend und mit gebläuten Augen in die Welt blickt. In der Tat quellen ihre Augen ein wenig hervor und ihre Finger sind ein wenig zu sehr verspannt, doch das mag eine Nebenwirkung des Bilsenkrauts sein, mit dem die Grossmutter ihr Bier zu brauen pflegt. Vom Reinheitsgebot hält die alte Dame nämlich nicht so viel. Sie bevorzugte schon immer das Originalrezept, dass schon ihr Grossvater überliefert hatte, der es von dessen usw…

Wie die kleine Bluna also so da liegt, wurzeln lauter Blumen unter der Türe des Schuppens hervor und sie spürt ein leises rumpeln in der Erde, als ob sich der schlafende Riese im Erdreich von einer Seite zur anderen wälzt und dabei seine Töpfe und Pfannen umstösst.
Tatsächlich hat der Riese gerade Magenverstimmungen, die allerdings nicht so schlimm sind, dass sie die Erde viele Kilometer über seiner Behausung zum grollen bringt. Die kleine Bluna wird ihn auch, ebenso wie seine Riesenschnecke Ahoi, erst viel später treffen.
Die Blumen aber schlüpfen schnell und geschwind durch alle Ritzen des baufälligen Schuppens, den der Grossvater per Zufall mehr Recht als Schlecht zusammengezimmert hatte. Sie verbreiten einen Duft nach Zimt und Zitrone und bringen einen Hauch von Frieden und Glück. Doch bevor Bluna erwacht, vergehen die Blüten ebenso schnell wie sie erschienen sind und die Welt scheint wieder einen Tick dunkler geworden zu sein.
Die kleine Bluna erwacht und reibt sich mühsam den Schlafsand aus den Augen. Dann wankt sie aus der Hütte und direkt in die Küche des Hauses. Dort sitzt die Grossmutter und schaut sie streng an. Da die kleine Bluna sich keiner Schuld bewusst ist, lächelt sie gar fein und freundlich und beginnt ihre morgendliches Ritual: Das ausleeren des Kautabakspuckeimers der alten Mutter. Und da bemerkt sie auch, dass die weisshaarige Frau, die beständig behauptet, ihre Grossmutter zu sein, gar nicht grimmig guckt, sondern einfach nur schläft.
Die kleine Bluna beschliesst, heute einmal in die Schule zu gehen. Das mag ein Spass werden. Vielleicht erzählt sie ja von ihren Abenteuern auf dem Dachboden mit Afri, oder von der Reise mit ihrer Oma an das Grab des Grossvaters und wie sie dort ihm zu Ehren einen schönen Beutel Grass haben liegen lassen. Von der Irritation der Polizei und der lustigen Jagd durch die Hinterhöfe ihrer Heimatstadt. Aber vielleicht müsste sie auch auch wieder irgendwelchen Unsinn lernen, den schon soviele andere vor ihr nicht verstanden hatten…
Stattdessen beschloss sie, ein wenig angeln zu gehen und vielleicht einen Zwergen mit Gold oder eine Flussnymphe mit güldenem Haar oder einen Frosch mit goldenem Ball oder so zu finden. Erzählt hatte ihr nämlich ihre Grossmutter so manch wundersames, um sie den trüben Alltag vergessen zu machen.

Bluna IV

In der heutigen Geschichte verfolgen wir den kleinen Afri…

Wie wir letzthin gehört hatten, war der kleine Afri zusammen mit der ebenso kleinen Bluna in der Scheuer vor dem Haus der Grossmutter eingeschlafen.
Nur wenige Minuten vor Sonnenaufgang erhob er sich, wischte sich die Sandkörner aus den verquollenen Augen und wankte zur Tür, die Gelenke ganz steif und starr und voller Liegeschmerzen. Der schwarze Afghane hatte seine Wirkung getan und Afri konnte alle Vögel verstehen. Als er vor die Tür in deren Pfeifkonzert trat wie ein Dirigent vor ein ungezügeltes Orchester, lauschte er zunächst eine Weile den wilden Gesängen der uralten Vogellinie, die vermutlich einmal Dinosaurier gewesen waren.

Und wir er noch versuchte, das Brüllen eine T-Rex mit dem Pfeifen eines Spatzen zu vergleichen, erschien ihm eine Fee.
Diese war über und über mit Federn bedeckt, hatte einen Rattenschädel am Gewand und sprach seltsame Symbole, die aus ihrem Munde wehten.
Afri verstand kein Wort, wohl aber die Tatsache, dass das eine Fee und somit eine klassische Erscheinung der Drei-Wünsche-Kategorie war.
Und einem natürlichen Kinderinstinkt folgend wünschte er sich laut und vernehmlich folgendes:

1. Weltfrieden
2. Paradiesische Zustände für alle Menschen, frei von Hunger, Angst und Tod
3. Ein Glas Wasser, da er sehr sehr durstig war.

Totenstille trat ein und die Fee verzerrte ihr Gesicht vor Anstrengung. Dann flossen viele sehr verschlungene Symbole aus ihrem Mund und kaum hatten diese den Boden berührt, sprossen Blumen aus der ansonsten nur von schäbigem Gras bedeckten Erde.
Immer mehr Symbole wankten, zischten und strömten aus ihrem Mund, immer höher und bunter wuchsen die Blumen, die jetzt schon grösser waren als Afri.
Das Treiben wurde hektischer und schneller, Blitze zuckten aus dem Himmel und trafen die Fee oberhalb ihres Scheitels, die Erde stöhnte laut auf und dann erschien nach einer kurzen Pause, in der das gesamte Universum den Atem anzuhalten schien ein Glas kaltes, frisches Wasser vor Afri.
Zwei Dinge wurden ihm schlagartig klar:

1. Dies war eine Rückwärts-Wünsche-Erfüllen-Fee
2. Wenn sie schon soviel Geschiss um ein Glas Wasser machte, dann wollte er den Rest der Zauberei lieber gar nicht sehen.

Deshalb nahm er das Wasser, winkte dankend ab und latschte nach Hause, um sich ein paar Comics anzusehen.

Bluna III

Und wieder einmal wird es Zeit für die kleine Bluna.

In der letzten Geschichte haben wir ja gehört, wie das kleine Mädchen Bekanntschaft mit dem Fast-Weihnachtsmann geschlossen hat und beinahe zum Nordpol gefahren wäre.
Da die Umstände es aber erforderlich gemacht hatten, eine andere Geschichte zu erzählen, sehen wir die kleine Bluna nun am Küchentisch, wie sie mit angehaltenem Atem ein Bild mit Wachsmalstiften zeichnet.

Das Bild zeigt ihren Grossvater, der mit erhobener Faust vor den Reissverschlusswerken Bad Onkenhausen steht und mit dräuender Gebärde den Untergang des verhassten Konkurrenten anzeigt.
Das war gestern. In der Zwischenzeit haben sich viele Dinge ereignet und bald soll die Beerdigung des Grossvaters sein. Im Augenblick werden einzelne Teile des alten Vaters noch eingesammelt, damit die Urne auch recht hübsch voll wird.
Die Grossmutter raucht und denkt über alte Zeiten nach. Die kleine Bluna dagegen denkt über die Zukunft nach, über eine Ausbildung als Stewardess, da sie von ihrem Schulfreund Afri gehört hat, dass Stewardessen überall hinfliegen können. Hei, das wäre ein Spass, wenn sie jetzt in Afrika sein könnte. Da gäbe es soviele kleine, schwarze Kinder, denen sie Geschichten erzählen könnte von zuhause. Schön wäre auch ein Flug nach China zur grossen Mauer, die immer noch steht und nicht so wie die in Deutschland einfach abgerissen worden ist. Genau wie ihre Grossmutter und der Nachbar Herr Öckel hat auch die kleine Bluna nie ganz verstanden, was da eigentlich passiert war. In der Schule haben die Lehrer gesagt, dass sie sich sehr freuten über den Mauerfall. Also muss das eine gute Sache gewesen sein.
Das Bild war jetzt fertig und sie gab es freudestrahlend ihrer Oma. Die nahm es ebenso freudig entgegen, krümelte ein paar Gramm Hasch und Tabak darauf und rauchte das ganze Werk in einem Zug.
Da war dann ein fröhliches Hallo und Aber-Hallo im Haus und alle waren es denn recht zufrieden.
Nur dass der Grossvater nicht da war, trübte die Stimmung ein wenig und die Grossmutter flocht, in wehmütige Gedanken versunken, ein paar Schnürsenkel, die sie dem alten Ehemann ins Grab zu legen gedachte.
Später am Abend kam Afri noch auf eine Fanta vorbei und die beiden Kinder stibitzten sich etwas vom Guten Afghanen der Oma, stopften sich die Beute flink wie Packratten in die kleinen Mäulchen und verkrümelten sich auf den Dachboden, wo sie dem plätschern des Regens auf dem alten Schindeldach lauschten und leise vor sich hin fantasierten.
Später nahm die Oma sie dann auf den Arm und trug sie raus in den alten Schuppen, denn sie konnte vollgedröhnte Kinder einfach nicht in ihrem Hause dulden, da war sie streng, sogar sehr streng.
Am nächsten Morgen erwachte die kleine Bluna alleine, ihr Freund Afri war wohl schon gegangen.
Was sich allerdings als folgenschwerer Irrtum herausstellte.

Doch davon später mehr. Jetzt heisst es, die Lichter zu löschen und unter die Bettdecke zu kriechen und von einer spinnenfreien Zone zu träumen, denn mal ehrlich, was gibt es ekligeres als krabbelnde, wuselnde, giftige Spinnen?
Eben, nämlich grad mal genau gar nix!

Bluna II

Lasst mich ein neues Kapitel in der Geschichte der kleinen Bluna aufschlagen.

Wie wir alle vor nicht allzu langer Zeit erfahren haben, hatten es die Grosseltern der kleinen Bluna nicht immer leicht. Und da der Volksmund sagt, alles Gute und Schlechte würde immer eine Generation überspringen, gelangten also die Eigenschaften der Grosseltern auf magische Weise in die kleine Bluna.
Eines Tages hüpfte die Kleine munter durch die Strasse des winzigen Städtchens, in dem sie wohnte und wie sie da so vor sich hin hoppelte mit ihren keinen Zöpfen, die fand sie nämlich doof und kindisch, gelangte sie an ein Zelt, dass mit allerlei Wundersamem behängt war.
Hinter der orangenen Markise befanden sich einige Fetzen eines seltsamen Materials, auch war dort ein getrockneter Rattenschädel zu sehen und viele eigenartige und verschlungene Symbole. Diese Symbole befanden sich auch auf einem Schild, dass vor dem Zelt auf dem Asphalt stand.
Da die kleine Bluna noch nicht lesen konnte, betrachtete sie die Zeichen einige Zeit voller Interesse, wie es die Art von Kindern ist und entschied dann, dass ein Blick nicht schaden konnte.
So fiel sie denn völlig unvermutet in einen offenen Kanalschacht, dachte bei sich aber, huiii, das mag ein Wunschbrunnen sein. Und wie sie so fiel und an ihre Cousine Alice dachte, schlug sie auch schon auf dem Boden des Kanalschachts auf und hatte nun ein WehWeh am Bein.
Das dauerte sie ein wenig und sie hub an, zu heulen. Auch das in der Art kleiner Kinder. Und wie sie da so sass und bitterlich weinte, kam ein Kanalarbeiter vorbei, der sie fragte, was denn geschehen sei.
Und da sie ihm artig die ganze Geschichte erzählte, fing er an, dröhnend zu lachen, hielt sich gar den beeindruckenden Bauch und lachte und lachte, dass ihm die Tränen über die Wangen rollten. Zuerst war die kleine Bluna ein wenige verdutzt und auch beleidigt, dann aber fand sie, dass der Mann irgendwie wie der Weihnachtsmann aussah, ja, es musste der Nikolaus sein und sie lachte plötzlich auch, weil er sie jetzt bestimmt in den hohen Norden mitnehmen würde. Dort in seinem Heim würden die kleinen Elfen sie gesund pflegen, die dicke Frau des Weihnachtsmannes würde ihr Suppe ans Bett bringen und sie heimlich vom Punsch kosten lassen, wenn es denn Weihnachten war. Später würde sie dann mit dem Nicki-Näcki zusammen die Pakete ausfahren, da wäre sie dann schon gross und wunderschön und auf einer dieser Fahrten würde sie einen grossen, dunkelhaarigen, gutaussehenden und sehr gepflegten jungen Mann kennenlernen.
Zunächst jedoch wurde sie ins Krankenhaus gebracht, aus dem sie ihre Grosseltern ein paar Tage später abholten.
Grossvater schien abgelenkt und murmelte ständig etwas von Reissverschlüssen, Grossmutter grinste von Ohr und Ohr und fand die ganze Aufregung viel zu hektisch. Sie bot der kleinen Bluna von ihrer Pfeife an und sie schmauchten lustig von dem Kraut.
Bald vergass die kleine Bluna dann auch den Weihnachtsmann und ihre Zukunftspläne und dachte sich stattdessen Neue aus.

Davon aber später, vielleicht morgen, vielleicht auch wann anders.

Bluna I

Hab ich dir eigentlich schon die Geschichte von der kleinen Bluna erzählt?
Die kleine Bluna war ein armes, aber anständiges Mädchen, das vom Ersparten der Grossmutter gar lustig lebte. Die Grossmuter selbst lebte nicht mehr so recht und darum war es ihr ganz in Ordnung, dass die kleine Bluna das Geld bekam von ihrer schmalen Witwenrente. Die war ihr von ihrem Manne, dem Grossvater der kleinen Bluna, geblieben, der im Krieg nie gekämpft und an der Heimatfront Schnürsenkel gebunden hatte, die er dann den Soldaten mit auf den Weg nach Afrika gab. Davon konnte aber niemand so recht leben, deshalb bauten die beiden Eheleute auch noch Hanf an, das sie den Soldaten in Frankreich verkauften, die es dann den Engländern weiterverkauften.

So hatten alle ein Auskommen und gelegentlich auch eine Vollbombe vom guten Kraut.
Und so hätte es auch bleiben und gut sein können, doch eines Tages war der Krieg zu Ende und Hanf wurde verboten. Da waren die Grosseltern, die damals nur einfache Eltern gewesen waren, sehr traurig und der Grossvater, als Vater eine rechte Null, verkaufte auch keine Schnürsenkel mehr, weil plötzlich alle Reissverschlüsse wollten und er die Technik nicht verstand.
Immer öfter sah man den später dann alten Mann an der Ecke stehen und wehmütig den keinen Soldaten hinterher schauen, die nicht mehr seine Senkel wollten. Wehmut macht durstig und darob begann der mittelalte Mann zu trinken und die Reissverschlussindustrie zu verfluchen.
Später wurde er dann standrechtlich erschossen, als er mit Dynamit beladen die Reissverschlusswerke Bad Onkenhausen in die Luft zu jagen gedachte.
So ward denn die Oma alleine geblieben und da ihr Mann ja ein arger Drückeberger und allgemeinhin Vollversager gewesen, fiel auch die Adenauer-Rente entsprechend schlecht aus und sie musste wieder Hanf anbauen, diesmal illegal und wurde im folgenden von einer Bande peruanischer Heroinschmuggler im Hamburger Hafen ermeuchelt.
Da war dann die kleine Bluna ganz alleine. Aber sie war es nicht leid, denn sie war eine rechte Frohnatur, gründete einen Getränkehandel und wurde grösser und reicher.
Was dann geschah, steht auf einem anderen Blatt, vielleicht von einem Feigenbaum.

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