{"id":45,"date":"2010-06-04T17:19:19","date_gmt":"2010-06-04T15:19:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schreibblogga.de\/?p=45"},"modified":"2016-09-05T14:13:37","modified_gmt":"2016-09-05T12:13:37","slug":"der-unsichtbare-und-die-cia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schreibblogga.de\/?p=45","title":{"rendered":"Der Unsichtbare und die CIA"},"content":{"rendered":"<p>Als mich unl&#228;ngst ein dr&#228;ngendes Gef&#252;hl zur Nahrungsaufnahme beschlich, beschloss ich, selbiges in einem Speiselokal der einfacheren Art wohlwollend zu empfangen und w&#228;hlte ein Etablissement aus, dass sich selbst als H&#228;hnchenbraterei beschrieb. Ein gebratenes Gefl&#252;gelprodukt war flugs gew&#228;hlt und ein kleines wackeliges Tischchen nebst einiger St&#252;hle sollte meinen Anspr&#252;chen einer schnellen und dennoch genussvollen Verbringung der kleinen Mahlzeit genug sein. Wenige Augenblicke nach Beginn des Kaurituals bat mich eine &#228;ltere Dame von etwas angeranztem &#196;usseren darum, ebenfalls Platz nehmen zu d&#252;rfen. Unh&#246;flichkeit ist meine Sache nicht, obgleich mich ein ungutes Gef&#252;hl beschlich, wie ich ihr so beim Vorgang des Hinsetzens zusah. Wackelig. Unsicher. Dann folgte stummes Kauen auf beiden Seiten, wobei ich sorgf&#228;ltig darauf achtete, nicht allzu sehr in ihren gierig aufgerissenen Schlund zu starren, in dem das arme und vormals so lebendige Huhn sein unverdient grausames Ende fand.<br \/>\nMich von diesem Anblick losreissend versank ich kurz in tiefe Meditation, um meine innere Sch&#246;nheit wiederzufinden. Sodann schien die Welt wieder in Ordnung zu sein, die Sonne schien und mein eigenes H&#228;hnchen verstr&#246;mte einen bet&#246;renden Duft nach Gew&#252;rzen und knuspriger Gebratenheit, dem ich mich nun unbeeindruckt etwaiger Fremdwahrnehmung widmen wollte.<br \/>\nDa jedoch sprach die Dame unversehens und ungebeten folgendes:<br \/>\n&#8220;Mein Ex-Mann hat mich bestohlen.&#8221;<br \/>\nIch sah von meiner Besch&#228;ftigung auf und dr&#252;ckte murmelnd meine Best&#252;rzung &#252;ber solche Dreistigkeit aus. Ein kleines Stimmchen in meinem Kopf raunte mir zu, mich nicht weiter auf die Sache einzulassen. Es g&#228;be da gewisse Anzeichen im Verhalten meines Gegen&#252;bers, die zur Vorsicht gemahnten. Die weit aufgerissenen Augen etwa. Das hektische Zappeln der fettverschmierten H&#228;nde. Das St&#252;ck H&#228;hnchenfleisch, das die Aussprache der Dame zitternd begleitete und teilweise aus der Mundh&#246;hlung zu entkommen versuchte.<br \/>\nIn meine Richtung.<br \/>\nMein Appetit z&#252;gelte sich unversehens.<br \/>\n&#8220;Mein Ex-Mann hat mich bestohlen. Gerade eben. Schauen Sie, ich hatte 50 Euro in meinem Bauchg&#252;rtel und die sind nun weg. Schauen Sie.&#8221;<br \/>\nEine grauenhafte Ahnung beschlich mich, die kurz darauf best&#228;tigt wurde, als sie ihren schmuddeligen Pullover anhob und darunter ein braun-grauer Bauchg&#252;rtel sichtbar wurde, an dem sie zu nesteln begann.<br \/>\nEs war an der Zeit, einzuschreiten, sollte aus dieser Sache noch etwas werden.<br \/>\n&#8220;Gute Frau&#8221;, hob ich an, &#8220;wie soll denn ihr ehemaliger Gemahl eine solch unerh&#246;rte Tat begangen haben, wenn sie ihr Geld dermassen am eigenen Leibe vert&#228;ut mit sich herumtragen? Er m&#252;sste schon ein begnadeter Beutelschneider sein, um solches in hellem Tageslicht auf einer belebten Gasse zustande zu bringen.&#8221;<br \/>\n&#8220;Er ist unsichtbar, wissen sie. Er besucht mich auch nachts, wenn ich schlafe und bringt meine Sachen durcheinander. Er terrorisiert mich damit schon seit Jahren, der elende Hund.&#8221;<br \/>\nDamit war die Sache f&#252;r mich klar, ich liess mit Bedauern von meiner Speise ab, wischte mir sorgf&#228;ltig die H&#228;nde sauber und beschloss, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen.<br \/>\n&#8220;Erz&#228;hlen Sie mir mehr davon, das klingt sehr interessant&#8221;, log ich geschmeidig und beugte mich, Aufmerksamkeit vort&#228;uschend leicht nach vorne.<br \/>\n&#8220;Er bestiehlt mich regelm&#228;ssig, genau wie meine unsichtbaren Kinder. Die wollen mich einsperren, aber heute darf ich spazieren gehen, wissen sie. Wegen der Drogen.&#8221;<br \/>\nUnd w&#228;hrend ich noch kurz versuchte, die beiden scheinbar nicht miteinander verwobenen Gedankeng&#228;nge eines durch Drogenkonsums begr&#252;ndeten Ausgangs aus einer in diesem Fall ungl&#252;cklich gew&#228;hlten Anstalt mit offenen Vollzug, sowie der Tatsache des Diebstahls durch den Unsichtbaren und dessen Kinder zu verbinden, plapperte sie munter weiter.<br \/>\n&#8220;Ja, die Pharmaindustrie hat mich kaputt gemacht. Und das nur, weil ich mich in den USA gegen die &#220;berwachung durch den CIA gewehrt hatte.&#8221;<br \/>\nIn meinem Kopf formte sich kurz der Gedanke, ihr zu erz&#228;hlen, dass ich in eben jener Industrie t&#228;tig und gleichzeitig ein CIA-Agent sei, der zu ihrer &#220;berwachung abgestellt war, verwarf diese Idee aber wieder, als ich beobachtete, mit welcher Hingabe sie das H&#228;hnchen vor meinen Augen in kleine Fetzen riss. M&#246;glicherweise war Provokation in diesem Fall das falsche Mittel, Verst&#228;ndnis sollte mir wohl besser bekommen.<br \/>\n&#8220;Ja, ja&#8221;, murmelte ich, &#8220;der CIA ist ja daf&#252;r bekannt, dass er jede Provokation brutalstm&#246;glich im Keime zu ersticken sucht.&#8221;<br \/>\nOb sie denn durch den geheimen Tunnel von Atlantis in die USA gereist sei, wollte ich wissen, aber da winkte sie schon ab und sagte, dieser Tunnel sei ein Wahngespinst. Mein kleiner Funke Hoffnung, diese Situation k&#246;nne sich in der Tat als Scherz abtun, als versteckte Kamera vielleicht oder der private Spass eines Schelms, verglomm j&#228;h, als sie mir von dem echten Tunnel nach Amerika berichtete, der zwischen Tibet und den Anden verlief.<br \/>\nUnd nein, er w&#252;rde nicht die Alpen kreuzen, sie sei schon einmal in der Schweiz gewesen, und die typischen Lamas, die einen solchen Zugang dem Eingeweihten anzeigten, seien dort nicht zu finden gewesen.<br \/>\nMein Appetit war nun g&#228;nzlich verschwunden und nach einem kurzen und &#228;usserst bizarren Ausflug zum Planeten Nibiru und den Lichtk&#246;rpern der Maya, dessen Einzelheiten ich zu meiner grossen Erleichterung wiederzugeben nicht in der Lage bin, sah sie auf ihre Uhr, kniff die Augen zusammen und begann, in ihren zumindest in Ans&#228;tzen vorhandenen Bart zu stottern. Sie sei zu sp&#228;t. Mein Entsetzen erlaubte mir nur ein kleines Nicken, w&#228;hrend ich ein weisses Kaninchen vor meinem geistigen Auge vorbeihoppeln sah, das ebenjenes murmelnd, in Richtung Loch verschwand. Abrupt stand sie auf, entschuldigte sich f&#252;r den Tee und verschwand im Gemenge.<br \/>\nSeitdem ist mir der Genuss von gebratenem H&#228;hnchen nicht mehr schmerzfrei m&#246;glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als mich unl&#228;ngst ein dr&#228;ngendes Gef&#252;hl zur Nahrungsaufnahme beschlich, beschloss ich, selbiges in einem Speiselokal der einfacheren Art wohlwollend zu empfangen und w&#228;hlte ein Etablissement aus, dass sich selbst als H&#228;hnchenbraterei beschrieb. 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